In Mailand ist Europas nächste Sonde zur Asteroidenabwehr zum ersten Mal unter Strom gesetzt worden. Der Hauptauftragnehmer OHB Italia hat das Kernmodul von Ramses eingeschaltet, der Rapid Apophis Mission for Space Safety von ESA und JAXA, und die wichtigsten Systeme gemeinsam getestet. Die ESA hat den Schritt am 23. September 2026 vorgestellt. Bis dahin gab es Berechnungen, Simulationen und Tests einzelner Geräte. Jetzt arbeitet die zentrale Bordelektronik erstmals im Verbund und reagiert auf Befehle.
Ramses soll den Asteroiden Apophis begleiten, wenn er am Freitag, dem 13. April 2029, nur etwa 32 000 Kilometer über der Erdoberfläche vorbeizieht. Das ist tiefer als die Bahn der geostationären Satelliten in rund 36 000 Kilometern Höhe und entspricht etwa einem Zehntel der Entfernung zum Mond. Apophis misst nach ESA-Angaben etwa 375 Meter, ungefähr so viel wie ein großes Kreuzfahrtschiff. Eine Gefahr für die Erde besteht nicht: Einen Einschlag haben Astronominnen und Astronomen für mindestens die nächsten hundert Jahre ausgeschlossen. Selten ist der Vorbeiflug trotzdem, denn Objekte dieser Größe kommen der Erde so nah nur etwa einmal in 5000 bis 10 000 Jahren. Für kurze Zeit soll Apophis sogar mit bloßem Auge zu sehen sein, für bis zu zwei Milliarden Menschen in Teilen Europas, Afrikas und Asiens.
Warum das Einschalten zählt
Im U-förmigen Kernmodul sitzen jetzt unter anderem der Bordcomputer, der Datenspeicher, die Einheit für die Stromverteilung und mehrere Terminals, die Signale der Instrumente in digitale Daten umwandeln. Alle Geräte sind über den Kabelbaum verbunden. Zum ersten Mal konnten die Teams den Computer zusammen mit diesen Einheiten betreiben und Befehle an die einzelnen Teilsysteme schicken. Der leitende Ramses-Ingenieur Ingo Gerth erklärt, dass die Geräte bisher nur jedes für sich getestet wurden. Jetzt lasse sich prüfen, ob sie im Verbund mit dem übrigen Satelliten funktionieren. ESA-Projektleiter Paolo Martino spricht von einer ganz neuen Projektphase: Es gebe nun ein echtes Raumschiff, mit dem die großen Systemtests beginnen können.
Der Zeitplan ist eng. Ramses muss im Frühjahr 2028 starten, damit die Sonde im Februar 2029 bei Apophis ankommt, rund zwei Monate vor dem nahen Vorbeiflug an der Erde. Vom Vertragsabschluss bis zum Start bleiben damit weniger als dreieinhalb Jahre. Deshalb wird die Sonde in zwei Teilen gleichzeitig gebaut. In Mailand entsteht das Kernmodul um eine Attrappe des zentralen Tragzylinders. Parallel bestückt ArianeGroup in Lampoldshausen das Antriebsmodul mit Tanks, Sensoren und Stellantrieben. Im Frühjahr 2027 sollen beide Module im ESTEC-Testzentrum der ESA im niederländischen Noordwijk zusammengesetzt werden. Dann beginnen die Tests vor dem Flug, darunter zwei bis drei Wochen im Vakuum und eine beschleunigte Simulation der gesamten Mission vom Start bis zum Ende.
Was Ramses bei Apophis tun soll
Die Sonde soll den Asteroiden vor, während und nach dem Vorbeiflug an der Erde vermessen: seine Form, Oberfläche, Bahn, Rotation und Ausrichtung. Die Anziehungskraft der Erde kann Apophis dehnen und stauchen, womöglich Rutschungen an der Oberfläche auslösen und Material aus tieferen Schichten freilegen. Solche Daten wären wichtig, falls die Menschheit jemals einen gefährlichen Asteroiden ablenken muss. Sie zeigen außerdem, wie ein Gesteinsbrocken aus der Frühzeit des Sonnensystems auf äußere Kräfte reagiert. Ramses nimmt zwei Cubesats mit, die bei Apophis ausgesetzt werden. Starten soll die Sonde mit einer japanischen H3-Rakete. Die JAXA liefert unter anderem leichte Solarpaneele und eine Infrarotkamera, die Leitung der Mission liegt bei der ESA.
Auch die NASA schickt eine Sonde zu Apophis. Die frühere Probenrückholsonde OSIRIS-REx ist inzwischen als OSIRIS-APEX unterwegs, erreicht Apophis aber erst nach der größten Annäherung, laut NASA im Juni 2029. Nur Ramses kann Apophis also schon vorher beobachten und damit zeigen, was die Begegnung mit der Erde an dem Asteroiden verändert. Für die ESA ist die Mission zugleich ein Test, ob sich eine Sonde für die Asteroidenabwehr in wenigen Jahren startklar machen lässt.